Geschichte des Maler und Lehrhandwerks

Das Malerhandwerk: Von der mittelalterlichen Zunft zur modernen Meisterwerkstatt

Das Malerhandwerk ist eines der ältesten und vielseitigsten Gewerbe, das sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder neu erfunden hat. Von den strengen Regeln mittelalterlicher Zünfte bis zu den vielfältigen Spezialisierungen der heutigen Zeit hat der Weg eines Malers eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht. Tauchen wir ein in die Geschichte dieses farbenprächtigen Handwerks.

Die Anfänge im Mittelalter: Eine Welt voller Regeln und Traditionen

Im Mittelalter waren Handwerker, darunter auch die Maler, in Zünften organisiert. Diese Zusammenschlüsse waren weit mehr als nur Berufsverbände; sie waren soziale, wirtschaftliche und oft auch politische Machtzentren in den Städten. Der Zunftzwang sorgte dafür, dass nur Zunftmitglieder ein Gewerbe ausüben durften, was die Konkurrenz stark einschränkte und die Qualität sicherstellen sollte.

Der Weg zum Lehrling: Eintritt in eine neue Welt

Wer Maler werden wollte, begann seine Laufbahn als Lehrling. Dies geschah oft schon in jungen Jahren, manchmal bereits mit 7 bis 10 Jahren. Die Aufnahme in eine Werkstatt war streng reglementiert. Üblicherweise musste der Lehrling männlich, ehelich geboren und Christ sein und aus einer angesehenen Familie stammen. Dies schloss viele Personen von vornherein aus dem Handwerk aus.

Die Lehrlinge wohnten und lebten im Haushalt des Meisters, der für ihre Kost, Logis und Ausbildung verantwortlich war. Eine Bezahlung erhielten sie in der Regel nicht; stattdessen mussten die Eltern oft sogar ein Lehrgeld an den Meister entrichten.

Der Alltag als Malerlehrling: Beobachten, Helfen, Lernen

Der Lehrlingsalltag war geprägt von harter Arbeit und Disziplin. Die Ausbildung dauerte im Mittelalter mindestens vier Jahre, in manchen Regionen oder zu bestimmten Zeiten auch deutlich länger, manchmal sogar zehn oder mehr Jahre.



Typische Aufgaben eines Lehrlings waren:

  • Vorbereitende Tätigkeiten: Das Reiben und Mischen von Farbpigmenten war eine grundlegende und zeitintensive Aufgabe, da Farben noch nicht fertig gekauft werden konnten. Auch das Herstellen von Bindemitteln (z.B. aus Eiern, Leim oder Öl) gehörte dazu.
  • Materialpflege: Reinigung der Werkzeuge, Herstellung von Pinseln aus Tierhaaren.
  • Beobachten und Nachahmen: Lehrlinge lernten, indem sie den Meistern und Gesellen bei ihrer Arbeit genau zusahen und deren Techniken nachahmten.
  • Einfache Hilfsarbeiten: Das Spannen von Leinwänden, Vorbereiten von Malgründen oder das Anlegen von Skizzen.
  • Zeichenunterricht: Grundlagen des Zeichnens nach Vorlagen wie Druckgrafiken oder Gliederpuppen waren essenziell, um ein Verständnis für Formen und Komposition zu entwickeln.

Der Lehrling stand in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zum Meister, der als „Hausvater“ für das Wohl des gesamten Haushalts verantwortlich war.


Die Freisprechung zum Gesellen: Ein Schritt in die Freiheit

Die Freisprechung war der offizielle Abschluss der Lehrzeit und ein wichtiger Meilenstein im Leben eines angehenden Malers.

Ablauf der Freisprechung im Mittelalter

  • Bestätigung des Lehrmeisters: Nach Ablauf der vereinbarten Lehrzeit bestätigte der Lehrmeister mündlich vor der Zunft, dass der Lehrling seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte. Mancherorts musste der Lehrling auch eine Art Gesellenprüfung ablegen, bei der er eine Zeichnung oder ein einfaches Werkstück anfertigte, das ins Zunftbuch eingetragen wurde.
  • Aushändigung des Lehrbriefs: Bei der Freisprechung erhielt der ehemalige Lehrling einen standardisierten Lehrbrief. Dieses Dokument war von nun an sein wichtigster Ausweis auf der anstehenden Wanderschaft.
  • Feierlicher Akt: Die Freisprechung war oft mit einem feierlichen Akt innerhalb der Zunft verbunden, der die offizielle Aufnahme in den Stand der Gesellen markierte.

Die Zeit als Malergeselle: Wanderjahre und berufliche Reifung

1. Entstehung der Gesellenwanderung im Malerhandwerk

Die Gesellenwanderung (Walz) entwickelte sich seit dem Spätmittelalter, insbesondere in der frühen Neuzeit, als Ausbildungsbaustein in vielen handwerklichen Zünften. Sie diente dem Techniktransfer, Erfahrungsaustausch und sozialer Reifung.

Exklusivität im Malerhandwerk

Im Gegensatz zu Holz- oder Steinberufen war die Walzpflicht im Malerhandwerk nicht allgemeingültig. Ein PDF von Andreas Tacke („Der Maler als Wandergeselle“) beschreibt:

„…es ging [bei Malergesellen] nicht um eine selbstgewählte, sondern um eine fremdbestimmte Migration“ – und jene war selten gesetzlich verankert  .

Zeitliche Entwicklung & Ausklang

  • Spätmittelalter bis frühe Neuzeit (~15.–17. Jh.): erste schriftlich dokumentierte Wanderordnungen, überwiegend in Bau- und Holzberufen.

  • 17.–18. Jh.: Zunehmender gesellschaftlicher Druck durch innere Mobilität, mit lokalen Sonderregelungen auch im Malerhandwerk.

  • 19. Jh.: Mit der Gewerbefreiheit (1860–1873) und der Reichshandwerksordnung von 1897 wurde die Wanderschaft zunehmend entfallen.

  • 20. Jahrhundert bis heute: freiwillige Wanderschaft bleibt möglich, wird jedoch nur in Ausnahmefällen praktiziert – vermehrt in Bauhandwerken wie bei Zimmerern.

Speziell im Malerhandwerk war der Brauch jedoch selten verpflichtend: Nur in wenigen Städten wie Nürnberg oder Leipzig tauchen entsprechende zünftige Regelwerke auf.

Nach der Freisprechung begann für die meisten Malergesellen die Wanderschaft, auch „Walz“ genannt. Dies war keine freie Entscheidung, sondern in vielen Zunftordnungen zwingend vorgeschrieben und oft eine Voraussetzung für die spätere Meisterprüfung. Die Wanderschaft diente dazu, neue Techniken, Stile und Arbeitsweisen in verschiedenen Regionen und bei unterschiedlichen Meistern kennenzulernen. Malergesellen gingen, wie viele andere Handwerker, tatsächlich auf Walz.

  • Dauer der Wanderschaft: Üblich waren mindestens drei Jahre und ein Tag. Während dieser Zeit durfte der Geselle sich seiner Heimatstadt oft einer vorgegebenen „Bannmeile“ nicht nähern.
  • Reisebedingungen: Die Gesellen reisten meist zu Fuß, lebten von der Hand in den Mund und arbeiteten gegen Kost und Logis in fremden Werkstätten. Sie trugen ihre charakteristische Kluft (oft weite Hosen, Weste und Hut) und ihren Wanderstab.
  • Arbeitsbedingungen als Geselle: Die Gesellen verdienten wenig, erhielten aber Unterkunft und Verpflegung. Sie wohnten oft ebenfalls im Haus des Meisters. Ihre Stellung in der Zunft war die eines „Mitglieds minderen Rechts“; sie hatten kein Mitspracherecht bei Zunftversammlungen. Heirat war Gesellen in der Regel nicht gestattet.

Gesellenvereinigungen und Gesellenläden: Netzwerke der Wandernden

Um sich gegenseitig zu unterstützen und eine gewisse Struktur zu gewährleisten, bildeten sich unter den Gesellen Gesellenvereinigungen (auch „Bruderschaften“ oder „Legschaften“). Diese waren oft geheim oder halb-geheim organisiert und dienten dem Zusammenhalt, der Pflege von Traditionen und der gegenseitigen Hilfe. Sie boten Anlaufstellen auf der Walz, vermittelten Arbeit und sorgten für Unterkunft.

Gesellenläden waren informelle Treffpunkte oder Herbergen, die speziell auf die Bedürfnisse der Wandergesellen zugeschnitten waren. Hier konnten sie übernachten, Informationen austauschen, Arbeit finden und sich mit Gleichgesinnten treffen. Sie waren wichtige Knotenpunkte im Netzwerk der Wanderschaft.


Die Zunftordnung: Das Regelwerk des Handwerks

Die Zunftordnung war das zentrale Regelwerk einer jeden Zunft. Sie war eine detaillierte Satzung, die nahezu alle Aspekte des Handwerkslebens regelte.

Inhalt und Regulierung der Zunftordnung

Die Zunftordnungen regelten unter anderem:

  • Ausbildung: Dauer der Lehrzeit, Aufnahmebedingungen für Lehrlinge, Pflichten des Meisters.
  • Arbeitsbedingungen: Löhne der Gesellen, Arbeitszeiten, Qualität der Arbeit.
  • Preise und Produktion: Festlegung von Preisen für Produkte und Dienstleistungen, Verhinderung von „Schmutzkonkurrenz“, Vorgaben für Materialqualität und Herstellungsprozesse.
  • Wettbewerb: Verbot von Werbung, Einschränkung der Zahl der Meister und Werkstätten in einer Stadt.
  • Soziale Absicherung: Unterstützung von kranken oder bedürftigen Mitgliedern, Witwen- und Waisenfürsorge.
  • Disziplinarmaßnahmen: Strafen bei Verstößen gegen die Zunftregeln.

Die Zunftordnungen waren in der Regel von den Meistern der Zunft selbst ausgearbeitet und von der städtischen Obrigkeit bestätigt. Die Organisation und Regulierung erfolgte durch die Zunftmeister und den Zunftrat, die aus den Reihen der Meister gewählt wurden. Diese Gremien wachten über die Einhaltung der Regeln und hatten oft weitreichende Befugnisse, bis hin zur Verhängung von Bußgeldern oder dem Ausschluss aus der Zunft. Die Zünfte waren innerhalb der Städte sehr angesehen und trugen durch ihre Gelder oft zum Wachstum und Ansehen der Stadt bei.


Das Ende der Zünfte und der Wandel bis heute

Die Blütezeit der Zünfte endete mit dem Zerfall des Heiligen Römischen Reiches und dem Aufkommen der Gewerbefreiheit im 18. und 19. Jahrhundert. Diese Entwicklung schaffte den Zunftzwang ab und führte zur freien Berufswahl. Handwerker konnten nun ohne Zunftzugehörigkeit einen Betrieb eröffnen.

Vom 19. Jahrhundert bis heute: Spezialisierung und Modernisierung

Die Industrialisierung und die Liberalisierung des Handwerks führten zu tiefgreifenden Veränderungen:

  • Meisterpflicht: Obwohl der Zunftzwang wegfiel, blieb die Meisterpflicht in vielen Gewerken, auch im Malerhandwerk, lange erhalten. Der Meisterbrief wurde zum Qualitätsmerkmal und zur Voraussetzung für die Selbstständigkeit.
  • Wegfall der Walzpflicht: Die Wanderschaft verlor ihre verpflichtende Funktion, wird aber bis heute als freiwillige Tradition von einigen Gesellen gepflegt („auf der Walz sein“).
  • Technologischer Fortschritt: Neue Materialien, Techniken und Maschinen revolutionierten das Malerhandwerk. Fertig gemischte Farben, Spritzpistolen, moderne Beschichtungen und Dämmmaterialien veränderten das Berufsbild grundlegend.
  • Spezialisierung: Heutige Maler und Lackierer haben sich auf vielfältige Bereiche spezialisiert: Innenraumgestaltung, Fassadengestaltung, Wärmedämmung, Denkmalpflege und Bodenverlegung.



Die Ausbildung heute: Duales System und neue Kompetenzen

Die Ausbildung zum Maler und Lackierer ist heute eine duale Ausbildung, die in der Regel drei Jahre dauert. Sie findet im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule statt.

  • Berufsschule: Hier werden theoretisches Wissen über Farbenlehre, Materialien, Untergrundvorbereitung, Arbeitssicherheit, Umweltschutz und Kalkulation vermittelt.
  • Betrieb: Im Betrieb werden die praktischen Fertigkeiten erlernt und vertieft. Dazu gehören neben den klassischen Streich- und Tapezierarbeiten auch das Spachteln, Lackieren, das Anbringen von Dämmungen und modernen Beschichtungen sowie der Umgang mit verschiedenen Werkzeugen und Maschinen.

Die Ausbildung schließt mit einer Gesellenprüfung ab, die aus einem praktischen Prüfungsprodukt mit Dokumentation, einem auftragsbezogenen Fachgespräch und einer schriftlichen Prüfung besteht.

Der Geselle heute: Fachkraft mit Perspektiven

Nach bestandener Gesellenprüfung ist der ausgebildete Maler und Lackierer eine gefragte Fachkraft. Die Karrieremöglichkeiten sind vielfältig: direkter Berufseinstieg, Weiterbildung zum Meister, Spezialisierungen (z.B. Restaurierung, Energieberatung) oder höhere Qualifikationen wie Techniker oder Betriebswirt des Handwerks.


Fazit

Das Malerhandwerk hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich. Von den strengen Regeln der mittelalterlichen Zünfte und der prägenden Zeit der Gesellenwanderschaft hat es sich zu einem modernen, vielseitigen und technologisch fortschrittlichen Beruf entwickelt. Was jedoch über die Jahrhunderte hinweg Bestand hatte, ist die Bedeutung von Fachwissen, handwerklichem Geschick und der Liebe zum Detail, die ein Maler benötigt, um Räumen und Oberflächen eine neue Seele zu verleihen. Die Tradition lebt fort, nicht nur in den Geschichten der alten Zünfte, sondern auch in der stolzen Handwerkskunst, die täglich in unseren Städten und Häusern zu sehen ist.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert